Schüler aus Tansania bekamen als Gäste der Humboldtschule Einblicke in den deutschen Alltag
Von Klaus Späne (Artikel aus der Taunuszeitung vom 6. Juli 2010)
Busse, die an Haltestellen warten, Klassen mit weniger als 70 Schülern: Das waren nicht die einzigen verblüffenden Erfahrungen, die Schüler aus Tansania während ihres Aufenthaltes im Taunus machten.
Bad Homburg. Mit am meisten hat Jauvin in Deutschland beeindruckt, dass scheinbar immer alles verfügbar ist. «Es ist immer Essen da, die Familien müssen abends kein Wasser holen, und es gibt viele Maschinen im Haushalt», sagte der 20-Jährige. In seiner Heimat in Tansania müssten die Menschen abends auf den Markt gehen, Supermärkte gebe es nur in den größeren Städten.
Auf einem Notizblock hatten Jauvin Donald Kanje und seine Mitschülerin Awadha Abdallah Aslgharabic solche Momentaufnahmen vom Leben in Bad Homburg notiert. In den Köpfen der beiden Schüler von der Mwanga High School waren aber noch mehr Erlebnisse gespeichert. Schließlich waren sie über drei Wochen in der Kurstadt, wo sie zusammen mit vier Mitschülern und zwei Lehrern Gäste der Humboldtschule (HUS) waren. Diese unterhält seit rund 15 Jahren eine Partnerschaft zu der Schule in Tansania.
Zwischen dem 12. Juni und dem 3. Juli nahmen die Schüler im Alter von 15 bis 22 Jahren gemeinsam mit HUS-Schülern an Projekten und Workshops teil. Man büffelte zusammen Englisch, übte sich in Kunst, ging mit den Naturwissenschaftlern auf Exkursion nach Wetzlar. Und das war längst nicht alles, was Klaus Schilling, Lehrer und Unesco-Beauftragter der HUS, in dem Besuchsprogramm für die Tansanier zusammengestellt hatte.
Begegnung mit Korwisi
Die Gäste verbrachten ein Wochenende im Rheintal, besuchten die Wartburg, wanderten im Taunus, besichtigten die Opel-Werke in Rüsselsheim und trafen Bad Homburgs OB Michael Korwisi (Grüne). Dazu gab es schulinterne Veranstaltungen - ein Begegnungsfest anlässlich des sozialen Tages oder einen Tansania-Nachmittag. Und beim Sommerkonzert steuerte die Gruppe aus Ostafrika eine Tanz- und eine Gesangseinlage bei.
Auch privat hatten die afrikanischen Schüler eine Menge Gelegenheiten, das Alltagsleben in Deutschland kennenzulernen. Untergebracht war man nämlich in deutschen Familien. Die 15-jährige Awadha logierte etwa bei der Familie von Tineke Shepherd, Jauvin im Haus von Niklas Kaulbersch. Für die 18-jährigen HUS-Schüler ist der Kontakt zu der Mwanga High School nichts Ungewöhnliches mehr. Beide gehörten zu einer Gruppe von acht Schülern und zwei Lehrern, die sich vor einem Jahr drei Wochen lang in Tansania aufhielten und dort auch Workshops mit Schülern der Mwanga High School besuchten. Dort lernten sie unter anderem auch den 20-jährigen Jauvin und die 15-jährige Awadha kennen.
Nun also der Gegenbesuch. «Noch nie in der Geschichte der Schulpartnerschaft zwischen diesen beiden Schulen waren so viele Schüler aus Tansania zu Gast in Bad Homburg», hob Klaus Schilling den Stellenwert der Visite hervor. Für die Gäste hat der Aufenthalt in Bad Homburg sicher bleibende Eindrücke hinterlassen. Awadha verblüfften die kleinen Klassen an der HUS. «An unserer Schule sind teilweise bis zu 70 Schüler in einer Klasse, das geht auf Kosten der Konzentration», sagt sie. Und Jauvin war fasziniert davon, wie «organisiert» der Verkehr ablaufe, dass Busse an Bushaltestellen anhielten, während in Tansania überall gestoppt werde. Der 20-Jährige hat den Aufenthalt mit besonders offenen Augen genossen. «Jauvin wollte leben wie wir», sagte Niklas Kaulbersch über seinen Gast. «Er sah zu, wie wir etwas machen, wie wir leben und unsere Freizeit gestalten.» Damit war er so beschäftigt, dass er kein Heimweh hatte. Im Gegenteil. «Die drei Wochen waren wie drei Tage», sagte Jauvin kurz vor seiner Abreise.
Artikel vom 06. Juli 2010, 03.25 Uhr (letzte Änderung 06. Juli 2010, 05.13 Uhr)